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1. Klein im Wuchs … doch groß in der Wirkung, so wäre wohl eine der besten Beschreibungen für das Immergrün, doch ist die aus der Familie der Hundsgiftgewächse stammende Pflanze viel mehr als nur ein Gehölz für schwierige Standorte.
Weit in die Vergangenheit reicht die Bedeutung des Immergrüns zurück, weshalb es schon Erwähnung in Culeppers „Herbal“ und Dioskurides Werken fand. Wenngleich sich die Verwendung zur heutigen Zeit hin fast grundsätzlich gewandelt hat, gilt es noch immer als unverzichtbar und erfreut sich großer Beliebtheit. Die Gattung Vinca, welche erstmalig von Carl Linné beschrieben wurde, umfasst sieben Arten immergrüner Halbsträucher aus den Gebieten Russlands, Europas und Nordafrikas. Hier nun wollen wir der Art „minor“ genauere Beachtung schenken.
2. Der Name Der Gattungsname „Vinca“ leitet sich aus dem Lateinischen von mehreren Wörtern ab. Zum ersten von >vinco<, das mit besiegen übersetzt wird. Diese Namensgebung begründet sich in der enormen Konkurrenzkraft der Vinca gegenüber anderen Pflanzen, jedoch verweist es auch auf die hohe Frostresistenz, was es Eis und Schnee besiegen lässt. Zum anderen hat das Wort >vincire< die Bedeutung von umwinden. Das Immergrün ist zwar nicht zu den Schling- und Kletterpflanzen zuzuordnen, doch umschlingt es auch Bäume und Sträucher, die sich der Ausbreitung entgegenstellen. Der Artname „minor“ stammt ebenfalls aus dem Lateinischen und bedeutet klein, was es z.B. von der etwas größer wachsenden Art „major“ abgrenzt. Da Vinca minor zu den immergrünen Gehölzen zählt, begründen sich darin folglich auch ihre Trivialnamen wie Immergrün und Ewiggrün. Die Bezeichnung Totenviole und Totengrün beschreibt hingegen ihren kulturellen Charakter. So ist sie nicht nur auf Friedhöfen heimisch, wo sie als pflegeleichter Bodendecker Verwendung findet, sondern wurde in fast allen Kulturen auch geliebten Verstorbenen, insbesondere Kindern, als Kopfkranz in den Sarg gelegt.

3. Die Geschichte Die Bedeutungen, welche das Immergrün einnimmt, haben sich in den zahlreichen Kulturen im Verlaufe der Jahrhunderte kaum geändert. Schon in der Antike empfahl Diokurides, dem das Immergrün als Heilkraut bekannt war, die Blätter mit Wein getrunken gegen Durchfall oder mit Milch und Rosensalbe gar als Einlage für die Gebärmutter zu verwenden; und gekaut sollten sie gegen Zahnweh helfen. Die Kelten nutzten die Pflanze hauptsächlich zu rituellen Handlungen, schätzten jedoch auch ihre blutungsstillende Wirkung. Im Mittelalter erwies sich Vinca minor als Heilmittel gegen Blutergüsse aller Art und wurde bei Erkältungen, Wassersucht, Geschwülsten und Durchblutungsstörungen angewandt. Culepper schreibt in seinem „Herbal“: „Die Blätter, gemeinsam von Mann und Frau gegessen, verursachen Liebe zwischen ihnen“. Auf die Bedeutung als Aphrodisiaka ging auch Louis Lewin in seinen Vorlesungen ein, dessen Auditorium sich bei diesen Themen stets mehrte. In der Volksheilkunde war das Immergrün als stärkendes, wassertreibendes und blutreinigendes Mittel in Gebrauch und wurde ebenso gern bei Husten, Halsschmerzen und chronischen Katarrhen verwendet. Im Volksglauben waren jedoch auch zahlreiche Bräuche mit dem Immergrün verbunden. An Palmsonntag verräucherte Blätter sollten Kinder vor Hexen und Zauberern schützen und Krankheitsgeister vertreiben. Als Orakelpflanze wollte man die künftige Heirat, die Gesundheit oder den Tod vorhersehen und in den Rauhnächten, wenn die Tore zur Anderswelt durchlässig sind, soll es helfen, einen Blick in die Zukunft zu werfen. (An dieser Stelle sei der Leser darauf hingewiesen: Vinca minor ist giftig!)
4. Die Symbolik Das ausdauernde Grün, das Sommer wie Winter ein gleichmäßiges Bild gibt, ist wohl der Grund der das Immergrün zum Symbol von Beständigkeit und des ewigen Lebens werden ließ. Die Kraft dieser Pflanze, welche sie vor Konkurrenten und Winter schützte, musste auch die Kraft haben schlimme Dinge abzuwehren. Daraus resultierend wurde sie als Abwehr des Bösen in vielen Riten und Bräuchen benutzt. Die Treue zu sich selbst hingegen diente den Jungfrauen als Attribut für Reinheit und zur Symbolisierung dieser, flochten sich in früheren Zeiten die jungen Mädchen Kopfkränze aus Immergrün. Diesem Brauch hat die Pflanze auch den Namen „Jungfernkrone“ zu verdanken. Doch auch zu weit weniger erfreulichen Anlässen wurden diese Kopfkränze verwendet. Wie schon erwähnt, gab man sie den Verstorbenen auf dem letzten Weg mit, denn zusammen mit anderen, auch im Winter grünen Pflanzen, wie Efeu und Wacholder galt das Immergrün als Sinnbild des Kreislaufes des Lebens und der Wiedergeburt.
5. Die natürliche Verbreitung Vinca minor besiedelt als Nutz- und Zierpflanze viele Standorte und konnte sich als Kulturflüchtling stark verbreiten. Die natürliche Verbreitung des Immergrüns ist in Europa und Kleinasien. Hauptsächlich wächst es in artenreichen Laub- und Buchenmischwäldern, selten an Hecken und Gebüschen, auf frischen, nährstoff- und basenreichen, vorzugsweise Ton- und Lehmböden in mild humider Klimalage. Vinca minor bevorzugt weiterhin halbschattige bis schattige Standorte in kolliner bis montaner Stufe und weist eine hohe Frostresistenz auf, die sie Temperaturen von weniger als -20 °C auch längere Zeit überstehen lässt. An natürlichen Standorten gilt Vinca minor nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen als eine geschützte Art

6. Zu Wuchs und Blüte Das Immergrün ist ein kleiner Halbstrauch, dessen nicht blühende Sprossen niederliegen. Die blühenden Sprossachsen sind jedoch aufrecht und werden bis zu 20 cm hoch. Die immergrünen, ledrigen Blätter glänzen an der Oberseite, sind lanzettlich bis schmal oval und 2-5 cm lang und mit kreuzgegenständiger Blattanordnung. Die gestielten Blüten, welche aus den Blattachseln wachsen, haben fünf Kelchblätter die bis zur Mitte miteinander Verwachsen sind. Nach der Hauptblüte von April bis Mai bildet das Immergrün zylindrische Balgfrüchte mit einer Länge von 15 - 20mm aus. An günstigen Standorten oder bei guter Pflege kann eine Nachblüte der Vinca minor bis in den Spätsommer erfolgen.
7. Zu Verwendung / Standort Das Immergrün hat als Zier- und Gartenpflanze eine weit zurückreichende Tradition und wurde bereits im frühen Mittelalter in Burg- und Kräutergärten kultiviert. Da sie bekanntlich eine Pflanze aus den lichten Bereichen der Wälder ist, sind auch entsprechend charakterisierte Standorte im Garten vorzuziehen. Diese sollten halbschattig bis schattig sein, da das Immergrün eine, zu anderen Bodendeckern vergleichbar, etwas höhere Hitzeempfindlichkeit aufweist. Dazu bevorzugt sie einen mäßig trockenen bis feuchten Boden. Vinca minor ist jedoch eine ideale Pflanze für das begrünen von Problemstandorten. Durch das schnelle Wachstum und die ständig anwurzelnden Triebe eignet sie sich vorzugsweise zur Bepflanzung von unwegsamen Gelände, Böschungen und Gehölzsäumen, wo sie einer aufkommenden Verkrautung schnell entgegenwirkt. Auf Mauerkronen gepflanzt lässt sie rasch ihre Ranken wie einen Wasserfall hinab wachsen und krönt diesen Anblick mit einer Blütenfülle in violettblauen Tönen. Im Laufe der Zeit sind von dem kleinen Immergrün jedoch auch Sorten entstanden, die sich in der Farbgebung von Blüte und Blatt weitgehender von einander unterscheiden. Die Sorte `Album´ ist zum Beispiel durch weiße Blüten gekennzeichnet und die Sorte `Atropurpureum´ trägt purpurne Blüten. Zudem gibt es auch noch Variationen von Immergrün mit zweifarbigen Blättern. Aber nicht nur für die Gartengestaltung gelangte das Immergrün zu besonderer Bedeutung. Als Gartenflüchtling fungiert es häufig auch als Siedlungsanzeiger. Findet man in Wäldern ein konzentriertes Auftreten von Vinca minor, so lässt sich daraus schließen, dass man sich an einer alten Siedlungsstätte befindet. Durch die besondere Bedeutung, die das Immergrün in den vergangenen Jahrhunderten hatte, wurde es in jedem Kräutergarten kultiviert und auch wenn der Mensch diesen Ort verlassen und die Natur alle Anzeichen einstmaliger Siedlungsaktivität beseitigt und überwachsen hat, so zeugt dennoch das kleine Immergrün vom Leben in vergangenen Tagen. Mit der Hilfe von Vinca minor lassen sich jedoch auch weit mehr differenzierte Aussagen treffen. Bei der Untersuchung von alten Burgen kann etwa die ehemalige Lage von Ausgusssteinen für Küchenabfälle oder von Aborterkern abgeschätzt werden. Diese im engeren Burgbereich angelegten „Kompostanlagen“ reicherten diese Standorte auf Jahrhunderte hin mit Nährstoffen an und sicherten u.a. die Überlebensmöglichkeit der Vinca minor.
8. Zur Pflege Die Pflegeintensität, welcher Vinca minor bedarf, ist bedeutend geringer als die anderer Gehölze oder Stauden in Gärten und Parkanlagen. Zu Beginn der Kultivierung sollte für ausreichend Wasser gesorgt werden, da die feinen Wurzeln in zu trockenen Böden schnell Schaden nehmen. Ist der Anwuchs dann gesichert, kann durch ein Kürzen der Triebe, während der ersten Vegetationsperioden, die Bodenbedeckung der Pflanzen gefördert werden. Diese stellt sich jedoch im Laufe weniger Jahre auch von selbst ein, wenn man die Pflanzen sofort flächig expandieren lassen möchte. Die jährliche Erhaltungspflege beschränkt sich auf die Grün- oder Depotdüngung im Frühjahr, wenn der Standort zu mager ist, das Gießen an besonders heißen Tagen und dem Entfernen der Gehölztriebe an nicht erwünschten Standorten.
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